"Die
Alternativtrasse wird nie gebaut"
Den
Mann, der am stärksten für die Bundesstraße 169 kämpft,
trifft man meistens im Bauamt auf dem Stauchaer Gut an. Dort hat er
ein hübsches Zimmer, sein Schreibtisch unter der bunten Stuckdecke
sieht nach Arbeit aus, als Bildschirmschoner leuchtet das Logo "B169
Jetzt! Oder nie!". Mit solchen Plakaten hat der Stauchitzer Bauhof
alle Ortsteile zu gepflastert. Für Dirk Zschoke eine Dienstangelegenheit.
Zschoke, 44, ist ein umgänglicher Typ, sympathisch und im Kundenumgang
serviceorientiert. Als ländlicher Beamter überzeugend und
unbräsig, stattdessen ein Macher mit konkreten Zielen. Wer einen
Fuß nach Stauchitz setzt, trifft sicher an der nächsten
Ecke: Dirk Zschoke. Den Bauamtslei-ter, den Vorsitzender des Fördervereins
Seerhausen oder eben den Wortführer für die Bundesstra-ße.
Mehr noch als der Bürgermeister ist Zschoke das Gesicht der Gemeinde.
Da verbinden sich zwei Sachen, die eigentlich nicht zusammen gehören.
Aber für Dirk Zschoke gibt es keinen Unterschied zwischen der
Gemeinde und der Initiative. Wer hier wohnt, der muss ein natürliches
Interesse haben, dass die B169 bald gebaut wird.
Zschoke tippt auf eine Karte, die zwischen Seerhausen und Salbitz
zwei Linien zeigt: "Diese Alter-nativtrasse, die die Gegenseite
will, wird nie gebaut." Ein so großer Schlenker widerspreche
allen straßenbaulichen Maximen. Und das alles für Frösche
und Fledermäuse, ein Unding. "Es geht uns um eine moderne
Infrastruktur. Hier kommt eine Menge Fernverkehr durch, da es weit
und breit keine Autobahn gibt."
Die Planungen für die direkte Trasse waren lange im Gange, da
sei 2006 Hartwig Kübler, Landwirt aus Raitzen, gekommen mit seiner
Idee einer Alternativtrasse. "Weil sein Herz am Hahnefelder Speicher
hängt." Vorher sei davon im offiziellen Planverfahren nie
die Rede gewesen. Für Zschoke ist klar: Kübler will die
Straße nicht an seinen eigenen Flächen haben, und bemäntelt
das mit Um-weltschutzbelangen: "Ich will denen nicht unterstellen,
dass sie nichts für die Umwelt übrig haben. Aber ich glaube
es einfach nicht."
Umwelt, das sind für den Bauamtsleiter in erster Linie die Menschen,
die das ganze Verfahren sei-ner Meinung nach zu wenig berücksichtigt.
Er als Seerhausener weiß zu berichten von teilweise autobahnähnlichen
Zuständen 80 Meter vor der eigenen Haustür. Die Keiljungfer
und die Mopsfle-dermaus, die im FFH-Gebiet zu Hause sind, würden
beim Bauprojekt genug berücksichtigt. "Aber niemand rechnet
aus, wie viele LKW am Kindergarten Seerhausen vorbei fahren, wenn
die Mittag-schlaf machen." Außerdem seien 23,4 Millionen
Euro Baukosten keineswegs zu teuer für solch ein Projekt.
Mit "unserer B169" hat es Zschoke verdammt eilig. Wer die
nicht unterstützt, bekommt beispiels-weise bei der Gewerbemesse
in Stauchitz keinen Stand. Derlei ist vorgekommen, Zschoke sagt es
offen. Vorwürfe jedoch, die Gemeinde würde damit Leute unter
Druck setzen, kann er nicht nach-vollziehen. "Die Gemeinde ist
schließlich der Bürgerinitiative beigetreten."
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"Ich
bin kein Verhinderer"
Mit dem
Chef kommen auch seine drei Hunde zur Tür rein. Hartwig Kübler,
promovierter Agrarwis-senschaftler, wirkt in Stiefeln und grüner
Weste wie ein Landedelmann am Werktag. Im Speisesaal seines Raitzener
Betriebs nimmt er Platz, um über sein längstes politisches
Projekt zu reden. In den 90ern trafen sich hier jene, die keine schnurgerade
vierspurige Bundesstraße zwischen ihren Dörfern, Häusern,
Äckern und Kindergärten wollten. "Ich habe nie bestritten,
dass die B169 anders verlaufen muss", sagt Kübler. Nebenan
stehen drei Regalmeter Ordner zum Bauprojekt Bundes-straße 169.
Ihn stört, dass immer sein Name fällt, wenn es um die Bürgerinitiative
gegen den direkten Verlauf zwischen Seerhausen und Salbitz geht. "Das
sind eine Menge Leute, die das nicht wollen. Die kommen alle zu mir."
Aus gutem Grund. Der 56-jährige ist ein guter Redner mit Verwaltungswissen
und weltmännischem Auftreten. An der Uni Gießen war er als
Berater tätig, bevor er 1991 die Rait-zener LPG übernahm,
die heute 20 Leute beschäftigt. Ein Mann, den dörfliche Grundstücksbesitzer
brauchen, um sich bei Straßenbauämtern, der Landesdirektion
und Staatsministerien Gehör zu verschaffen: "Wahnsinn, der
da passiert. Diese Trasse ist die teuerste mit dem größten
Flächen-verbrauch." Wenn heute noch mal eine Prüfung
stattfände, hätte dieses Bauprojekt keine Chance, ist sich
Kübler sicher.
Denn inzwischen ist hier ein FFH-Gebiet ausgewiesen. Die Auen, in denen
Kübler oft jagen geht, stehen als Heimat von Bibern, Fischottern
und mehreren Fledermausarten unter Naturschutz. "Ich bin keineswegs
einer, der 20 Kilometer um jeden Biber rumfährt", sagt er.
"Aber wenn es eine günstigere Trasse gibt, warum nutzt man
sie dann nicht?"
Seit 15 Jahren streitet Kübler für seine B169. Die würde
vorhandene Straßen nutzen, so in Seerhausen ein Stück der
B6. Aber daran sei niemand interessiert. Aus Küblers Sicht handelt
es sich bei dem ganzen Vorhaben um ein antiquiertes Infrastrukturprojekt
in monumentalen Ausma-ßen, das in den frühen 90er Jahren
vielleicht Hoffnungen barg, es könnte ein ebenso monumenta-les
Wirtschaftswachstum in die Region transportieren. Inzwischen aber sind
die Erwartungen auf Normalmaß geschrumpft, was soll da eine vierspurige
Straße, deren Bau 23 Millionen Euro ver-schlingt. So sieht er
es. Genau deshalb mache die gegnerische Bürgerinitiative "B169
jetzt!", die sich um Mitglieder der Gemeindeverwaltung Stauchitz
gruppiert, solchen Druck: "Die wissen, wenn das einmal abgelehnt
wird, dann ist die ganze Sache vom Tisch." Natürlich wolle
er selbst die neue Bundesstraße nicht vor der Nase haben. Aber
auch die andere Route würde ihn tangieren. "Das Irre ist",
sagt er, "eigentlich könnte ich mich zurücklehnen, die
direkte Straße bauen lassen und in den nächsten Jahren eine
satte Entschädigung kassieren." Stattdessen will er lieber
dagegen streiten, dass öffentliches Geld zum Fenster raus geschaufelt
wird.
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