B 169

> B 169 Jetzt! > Pro & Contra
Ende Oktober 2010 veröffentlichte die Sächsische Zeitung zwei Beiträge über die führenden Köpfe der Befürworter und Gegner des Neubaus der B 169, Dirk Zschoke und Hartwig Kübler.

"Die Alternativtrasse wird nie gebaut"

Den Mann, der am stärksten für die Bundesstraße 169 kämpft, trifft man meistens im Bauamt auf dem Stauchaer Gut an. Dort hat er ein hübsches Zimmer, sein Schreibtisch unter der bunten Stuckdecke sieht nach Arbeit aus, als Bildschirmschoner leuchtet das Logo "B169 Jetzt! Oder nie!". Mit solchen Plakaten hat der Stauchitzer Bauhof alle Ortsteile zu gepflastert. Für Dirk Zschoke eine Dienstangelegenheit.
Zschoke, 44, ist ein umgänglicher Typ, sympathisch und im Kundenumgang serviceorientiert. Als ländlicher Beamter überzeugend und unbräsig, stattdessen ein Macher mit konkreten Zielen. Wer einen Fuß nach Stauchitz setzt, trifft sicher an der nächsten Ecke: Dirk Zschoke. Den Bauamtslei-ter, den Vorsitzender des Fördervereins Seerhausen oder eben den Wortführer für die Bundesstra-ße. Mehr noch als der Bürgermeister ist Zschoke das Gesicht der Gemeinde.
Da verbinden sich zwei Sachen, die eigentlich nicht zusammen gehören. Aber für Dirk Zschoke gibt es keinen Unterschied zwischen der Gemeinde und der Initiative. Wer hier wohnt, der muss ein natürliches Interesse haben, dass die B169 bald gebaut wird.
Zschoke tippt auf eine Karte, die zwischen Seerhausen und Salbitz zwei Linien zeigt: "Diese Alter-nativtrasse, die die Gegenseite will, wird nie gebaut." Ein so großer Schlenker widerspreche allen straßenbaulichen Maximen. Und das alles für Frösche und Fledermäuse, ein Unding. "Es geht uns um eine moderne Infrastruktur. Hier kommt eine Menge Fernverkehr durch, da es weit und breit keine Autobahn gibt."
Die Planungen für die direkte Trasse waren lange im Gange, da sei 2006 Hartwig Kübler, Landwirt aus Raitzen, gekommen mit seiner Idee einer Alternativtrasse. "Weil sein Herz am Hahnefelder Speicher hängt." Vorher sei davon im offiziellen Planverfahren nie die Rede gewesen. Für Zschoke ist klar: Kübler will die Straße nicht an seinen eigenen Flächen haben, und bemäntelt das mit Um-weltschutzbelangen: "Ich will denen nicht unterstellen, dass sie nichts für die Umwelt übrig haben. Aber ich glaube es einfach nicht."
Umwelt, das sind für den Bauamtsleiter in erster Linie die Menschen, die das ganze Verfahren sei-ner Meinung nach zu wenig berücksichtigt. Er als Seerhausener weiß zu berichten von teilweise autobahnähnlichen Zuständen 80 Meter vor der eigenen Haustür. Die Keiljungfer und die Mopsfle-dermaus, die im FFH-Gebiet zu Hause sind, würden beim Bauprojekt genug berücksichtigt. "Aber niemand rechnet aus, wie viele LKW am Kindergarten Seerhausen vorbei fahren, wenn die Mittag-schlaf machen." Außerdem seien 23,4 Millionen Euro Baukosten keineswegs zu teuer für solch ein Projekt.
Mit "unserer B169" hat es Zschoke verdammt eilig. Wer die nicht unterstützt, bekommt beispiels-weise bei der Gewerbemesse in Stauchitz keinen Stand. Derlei ist vorgekommen, Zschoke sagt es offen. Vorwürfe jedoch, die Gemeinde würde damit Leute unter Druck setzen, kann er nicht nach-vollziehen. "Die Gemeinde ist schließlich der Bürgerinitiative beigetreten."

"Ich bin kein Verhinderer"

Mit dem Chef kommen auch seine drei Hunde zur Tür rein. Hartwig Kübler, promovierter Agrarwis-senschaftler, wirkt in Stiefeln und grüner Weste wie ein Landedelmann am Werktag. Im Speisesaal seines Raitzener Betriebs nimmt er Platz, um über sein längstes politisches Projekt zu reden. In den 90ern trafen sich hier jene, die keine schnurgerade vierspurige Bundesstraße zwischen ihren Dörfern, Häusern, Äckern und Kindergärten wollten. "Ich habe nie bestritten, dass die B169 anders verlaufen muss", sagt Kübler. Nebenan stehen drei Regalmeter Ordner zum Bauprojekt Bundes-straße 169.
Ihn stört, dass immer sein Name fällt, wenn es um die Bürgerinitiative gegen den direkten Verlauf zwischen Seerhausen und Salbitz geht. "Das sind eine Menge Leute, die das nicht wollen. Die kommen alle zu mir." Aus gutem Grund. Der 56-jährige ist ein guter Redner mit Verwaltungswissen und weltmännischem Auftreten. An der Uni Gießen war er als Berater tätig, bevor er 1991 die Rait-zener LPG übernahm, die heute 20 Leute beschäftigt. Ein Mann, den dörfliche Grundstücksbesitzer brauchen, um sich bei Straßenbauämtern, der Landesdirektion und Staatsministerien Gehör zu verschaffen: "Wahnsinn, der da passiert. Diese Trasse ist die teuerste mit dem größten Flächen-verbrauch." Wenn heute noch mal eine Prüfung stattfände, hätte dieses Bauprojekt keine Chance, ist sich Kübler sicher.
Denn inzwischen ist hier ein FFH-Gebiet ausgewiesen. Die Auen, in denen Kübler oft jagen geht, stehen als Heimat von Bibern, Fischottern und mehreren Fledermausarten unter Naturschutz. "Ich bin keineswegs einer, der 20 Kilometer um jeden Biber rumfährt", sagt er. "Aber wenn es eine günstigere Trasse gibt, warum nutzt man sie dann nicht?"
Seit 15 Jahren streitet Kübler für seine B169. Die würde vorhandene Straßen nutzen, so in Seerhausen ein Stück der B6. Aber daran sei niemand interessiert. Aus Küblers Sicht handelt es sich bei dem ganzen Vorhaben um ein antiquiertes Infrastrukturprojekt in monumentalen Ausma-ßen, das in den frühen 90er Jahren vielleicht Hoffnungen barg, es könnte ein ebenso monumenta-les Wirtschaftswachstum in die Region transportieren. Inzwischen aber sind die Erwartungen auf Normalmaß geschrumpft, was soll da eine vierspurige Straße, deren Bau 23 Millionen Euro ver-schlingt. So sieht er es. Genau deshalb mache die gegnerische Bürgerinitiative "B169 jetzt!", die sich um Mitglieder der Gemeindeverwaltung Stauchitz gruppiert, solchen Druck: "Die wissen, wenn das einmal abgelehnt wird, dann ist die ganze Sache vom Tisch." Natürlich wolle er selbst die neue Bundesstraße nicht vor der Nase haben. Aber auch die andere Route würde ihn tangieren. "Das Irre ist", sagt er, "eigentlich könnte ich mich zurücklehnen, die direkte Straße bauen lassen und in den nächsten Jahren eine satte Entschädigung kassieren." Stattdessen will er lieber dagegen streiten, dass öffentliches Geld zum Fenster raus geschaufelt wird.

Dirk Zschoke ist Bauamtsleiter und Vater von drei Kindern, die 80 Meter neben der alten B169 aufwachsen. Darum kämpft er kompromisslos für die Variante, die seiner Meinung nach als einzige gebaut werden kann. Foto: Schröter Gern wird behauptet, der Landwirt Hartwig Kübler fahre ökologische Vorwände auf, um seine eigenen Interes-sen durchzusetzen. Er selbst meint, das sei sein gutes Recht. Aber das Feuchtbiotop, das er vor der B169 be-wahren will, liege ihm wirklich am Herzen. Foto: Schröter