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Sprengung des Schlosses Seerhausen

Die größte Kulturbarberei des 20. Jahrhunderts war nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs zweifellos die Sprengung und Vernichtung ostdeutscher Herrenhäuser und Schlösser von 1945 bis 1949. Auch Schloß Seerhausen fiel diesem Wahnsinn zum Opfer. Heimatgruppe und Förderverein Seerhausen widmeten diesem Thema 2009 eine Austellung, mit der auch die Verantwortlichkeit für die Schloßsprengung geklärt werden sollte.

Die "Schande von Versailles" saß tief in der deutschen Seele. Diese wählte - wohl auch des-halb - 1933 Adolf Hitler zu ihrem Kanzler und ließ sich auf ein gefährliches Spiel ein. 1939 begann das Deutsche Reich einen Eroberungskrieg gegen all seine Nachbarstaaten. Tod, Ver-nichtung und Verwüstung brachte dieser Krieg - wie schon so oft in der Vergangenheit - über unseren Kontinent, von Frankreich im Westen bis in die Sowjetunion im Osten. Der Sieg über den Aggressor durch die alliierten Truppen brachte Tod, Vernichtung und Verwüstung wieder nach Deutschland zurück. Die alliierten Bombenangriffe zerstörten tausenden Menschenleben und auch unzählige Baudenkmäler unserer Heimat. Ganze Städte versanken in Schutt und Asche.

Am 7. Mai 1945 unterzeichnete Generaloberst Jodl, Chef des Wehrmachtführungsstabes, die bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht. Der Krieg war zu Ende, das geschundene Europa konnte aufatmen. Die Staatsgewalt wurde fortan bis zu dessen faktischem Ende 1948 durch den Alliierten Kontrollrat ausgeübt. "Deutschland wird innerhalb seiner Grenzen vom 31. Dezember 1937 für Besatzungszwecke in drei Zonen aufgeteilt, von denen jeweils eine jeder der drei Mächte zugewiesen wird, und in ein besonderes Gebiet von Berlin, das der gemeinsamen Besatzung durch die drei Mächte unterworfen ist."

Seerhausen, ein 300 Seelen-Dorf zwischen Leipzig und Dresden, im März/April 1945. Viele Männer sind im Krieg gefallen oder in Gefangenschaft, nur Volkssturm, Alte, Frauen und Kinder sind noch im Dorf. An der Straße nach Jahnishausen verschanzt sich der Volkssturm und wehrt den ersten Anmarsch der Russen ab. Aber vergeblich!
"Die Russen rücken Tag für Tag näher an uns heran. Aus Zeitungen und Radio können wir entnehmen, dass sie zähnefletschend und mordend durchs Land ziehen. Wir werden aufgefor-dert, die Gegend zu verlassen. Deshalb packen wir die notwendigsten Sachen auf unseren kleinen Handwagen und ziehen mit vielen anderen Richtung Westen. Vorsichtshalber werden vorher noch einige Dinge wie das "Eiserne Kreuz", das unser Papa postum erhalten hat, sowie Bilderbogen über die Verherrlichung des Krieges und ein Buch über die Juden als Untermenschen an einem sicheren Ort vor den Russen versteckt."

Während die Bewohner des Dorfes auf Geheiß des örtlichen SS-Kommandanten fliehen, rü-cken die Russen im Ort ein. "Bei den letzten Kämpfen 1945 hatten einige russische Granaten dem Schloss gegolten und Turm und Glasdach getroffen. Nur vorsichtig näherte sich feindli-che Infanterie, über die Wiesen aus Richtung Jahnishausen kommend, Dorf und Schloss. In der Tür stand hochaufgerichtet und gelassen wie immer der über siebzigjährige Schlossherr, Hugo Freiherr von Fritsch-Seerhausen, einst Gardereiter und der letzte Oberhofmarschall in Weimar. Neben ihm stand sein Bruder Karlo, einst Flügeladjutant und Prinzenerzieher in Dresden und letzter Kommandeur der Großenhainer Husaren. Sie wahrten den alten Brauch, dem Landesherrn und lieben Gästen vor der Tür entgegenzutreten, unerwünschten Besuch in der Tür des Hauses zu erwarten. Bereits Tage vorher waren sie von Polen niedergeschlagen worden, als sie die letzten Pferde des Gutes lieber Flüchtlingswagen als Plünderern überlassen wollten. Die von den Fahrzeugen abspringenden Russen stießen die beiden alten Herren bei-seite, durchstreiften das Haus, und bald erfüllte das geschäftige Treiben eines hohen Stabes das Gebäude. Panzer fuhren zu seinem Schutz in Park und Hof um das Schloss auf, Kabel wurden gezogen. Die Schlossbewohner wurden in kleine Zimmer des Dachgeschosses verwiesen."

Die Russen verließen Seerhausen im Juni oder Juli 1945 und überließen es dem Regiment des eingesetzten Bürgermeisters. Der Schlossherr, Hugo von Fritsch, sein Bruder Karlo sowie dessen Frau Alexandrine, Schwägerin Evelyn und die Stieftochter Hugo v. Fritschs, Renata Herwarth von Bittenfeld verblieben im Schloss.

Am 11. September 1945 erließ die Landesverwaltung des Bundeslandes Sachsen die Verordnung über die landwirtschaftliche Bodenreform. Mit ihr wurden - neben Kriegsverbrechern und Anhängern des Hitlerstaates - auch die Eigentümer von Grundbesitz über 100 Hektar entschädigungslos enteignet. In Artikel 2 Nr. 3 der Bodenreformverordnung hieß es dazu: "Gleichfalls wird der gesamte feudal-junkerliche Boden und der Großgrundbesitz mit über 100 Hektar mit allen Bauten, lebendem und totem Inventar, allen Nebenbetrieben und sämtli-chem landwirtschaftlichem Vermögen entschädigungslos enteignet". Nicht enteignet wurde das Land von Kirche und Kommunen. Es wurde ein "Bodenfond" geschaffen, in den das ent-eignete Ackerland eingebracht wurde und aus dem es an landarme und landlose Bauern sowie Umsiedler verteilt wurde. Unter Anleitung der russischen Siegermacht wurde in Sachsen sowie in den anderen Ländern im Osten Deutschlands ein jahrhundertealtes Eigentums- und Wirtschaftssystem komplett beseitigt. Die Enteignung durch die Bodenreform war allumfassend. Den Enteigneten blieb wahrlich nur das, was sie auf dem Leibe trugen. Das Ziel der Enteignung, die Liquidierung des "feudal-junkerlichen Großgrundbesitzes", wurde weit übertroffen. Es wurde nicht nur das Ackerland eingezogen und in den "Bodenfond" überführt, sondern alles Hab und Gut der Betroffenen, vom Schloß über die Möbel bis zum Besteck und der Kleidung dem Land Sachsen übereignet. Damit gehörten Kunstschätze und andere kulturelle Werte in unvorstellbarem Ausmaß plötzlich dem Land Sachsen.

Die "neuen Herren" in Ostdeutschland hatten allerdings nicht bedacht, dass die "ausführenden Verwaltungsorgane" ausschließlich aus unbedarften Bauern oder Arbeitern bestand, welche überhaupt nicht in der Lage waren, den "Buchstaben des Gesetzes" einzuordnen. Durch die allgegenwärtige Drohung der örtlichen russischen Kommandanturen mit der Kalaschnikow und mit Speziallagern wie in Mühlberg waren die "ausführenden Verwaltungsorgane" hoch motiviert.

Zur Realisierung der Bodenreform wurden entsprechend des Artikels 4 der Bodenreformver-ordnung die Gemeinde- und Kreisbodenkommissionen "geschaffen" sowie eine Landesbodenkommission gebildet. Vom Erlass der Verordnung am 11. September bis zum 30. Oktober 1945 musste die Bodenreform vollzogen sein.

Auch in Seerhausen wurde eine solche Bodenkommission geschaffen. Vorsitzender wurde Richard Notzon aus Groptitz, ein 46-jähriger Landarbeiter. Bereits am 14. Oktober 1945 fand die Übergabe der Bodenreformurkunden an die neuen Eigentümer statt. Im Bericht des Seerhausener Bürgermeisters Kummich an den Oschatzer Landrat vom 16.10.1945 liest man, dass "im festlich geschmückten Saal (des Gasthofes, d.V.) der Bürgermeister jedem Siedler die Urkunde überreicht und er verpflichtet wurde, den empfangenen Boden für das Wohl und zum Nutzen des ganzen Volkes zu verwalten." Das Ackerland derer von Fritsch war damit vergeben, es verblieben Schloss, Schlosspark, die Schlosskapelle und ein Teil der Rittergutsanlage in der Verwaltung der Gemeinde.

Aus einem Schreiben des Schlossherrn von Seerhausen, Hugo v. Fritsch, damals 76 Jahre alt, wissen wir, dass das Rittergut Seerhausen, das Schloss Seerhausen sowie alles andere, was denen von Fritsch gehörte, am 25. September 1945 enteignet wurden. Seit diesem Tag mussten Hugo v. Fritsch, sein Bruder Karlo v. Fritsch und seine Stieftochter Renata Herwarth v. Bittenfeld in der ehemaligen Pächterwohnung des Rittergutes gegenüber dem Schloss wohnen. Den Schlüssel für das Schloss hatte nunmehr der Bürgermeister.

Am 22. Oktober wurde der ehemalige Schlossherr Hugo v. Fritsch und sein Bruder Karlo "aus der Gemeinde Seerhausen entfernt und nach Oschatz eingeliefert" . Hintergrund war die allgemeine Deportation der Adligen nach Rügen, wohin auch Hugo und Carlo v. Fritsch gebracht wurden. Es gelang Hugo und Karlo in einer der ersten Nächte nach Ankunft auf Rügen, in einem Fischerboot auf das Festland zu entkommen. Der entbehrungsreiche Weg nach Seerhausen brachte Hugo eine schwere Lungenentzündung, der er Ende November 1945 in Riesa erlag. Wenige Tage danach nahm Karlo sich in Seerhausen das Leben. Er wurde neben seinem Bruder und den Frauen beim Aufgang zum Patronatsgestühl der Pfarrkirche in Bloßwitz beerdigt.

Seerhausens Mitglieder der Bodenkommission wussten nichts von den Rechtsverhältnissen am Rittergutsbesitz. Dass ein Großteil der Kunstschätze im Schloss Seerhausen nicht dem Schlossherrn, sondern dem Freiherrlichen v. Fritschen Familienverein gehörte, war den eingesetzten Kommunisten natürlich unbekannt. Die diesem entsprechend dem Sächsischen Gesetz zur Auflösung der Familienanwartschaften vom 9. Juli 1928 gehörenden Kunstwerke haben der Enteignung durch die Bodenreform natürlich nicht unterlegen, da dieser Familienverein keinerlei Grundbesitz hatte. Außerdem wurde in Seerhausen auch die "Schlossmühle" - eine kleine Wassermühle - durch die Bodenreform enteignet und dem VdgB übertragen, obwohl diese Mühle der bereits 1944 verstorbenen Ehefrau des Schlossherrn gehörte, welche ihr Erbe testamentarisch ihren drei Kindern übertragen hatte. Der greise Hugo v. Fritsch legte am 15. Oktober 1945 als Testamentsvollstrecker seiner verstorbenen Frau Widerspruch gegen diese Enteignung ein, nach seinem Abtransport nach Rügen und schließlich seinem Tod Ende November wurde dieser Widerspruch, trotz Intervention eines Anwaltes aus West-Berlin abgewiesen und die Schlossmühle endgültig dem VdgB überwiesen.

Mit der Bodenreform waren historische, denkmalgeschützte Gebäude von unbestritten hohem geschichtlichem Wert an den "Bodenfond" sowie die darin enthaltenen Kunstgegenstände von nicht zu bezifferndem Wert in das Eigentum des Landes Sachsen übergegangen. Mit großer Naivität ging die Landesverwaltung Sachsens daran, diese Werte zu sichern. Es war schlicht nicht möglich, diese Kulturwerte, die bis dahin in den Schlössern und Herrenhäusern Sachsens geborgen waren, zu sichern. Abgesehen von den wertvollen Gegenständen, die die Sieger des Krieges als Beute mitnahmen, waren die Schlösser und Herrenhäuser Sachsens (und auch der anderen ostdeutschen Gebiet) dem Wohl und Wehe der eingesetzten kommunistischen Bürgermeister ausgesetzt. Verständlicherweise waren diese von den siegreichen Russen eingesetzten Bürgermeister und auch die anderen in Kreis- und Landesverwaltung beschäftigten Mitarbeiter überhaupt nicht in der Lage, den Wert der ihnen zur Verwaltung übertragenen Dinge zu erkennen. Nur wenige Mitarbeiter der Landesregierung erkannten, welch unermesslicher Reichtum in den Dörfern des Landes schlummerte und täglich von Bauern und Arbeitern, die zu Verwaltern der Herrenhäuser und Rittergüter bestellt waren, an die "neuen Herren des Landes", an Arbeiter, Landarbeiter, Umsiedler usw. verteilt wurden.

Seerhausen war beispielhaft für die verheerenden Auswirkungen der ideologisch verblendeten Enteignungspolitik der mit der russischen Siegermacht sympathisierenden ehemaligen "Untertanen". Vorsitzender der Gemeindebodenkommission in Seerhausen war ein einheimischer Landarbeiter, ein Umsiedler und Landwirt war Verwalter der sämtlichen zum Rittergut gehörigen Gebäude. In diesen Funktionen nahmen sie am 12.10.1945 die Bestände des Schlosses Seerhausen auf. Dieses Verzeichnis liest sich wie das Inventarverzeichnis einer insolventen Möbelfabrik: "2 Stühle, 1 Sofa, 1 Küchenschrank groß, 1 Tisch groß, 2 Tische klein, 1 Glasschrank usw.". Insgesamt werden in dieser laienhaften Art und Weise 644 "Möbelstücke" aufgeführt, die in den 35 bewohnten und eingerichteten Räumen des Schlosses zu dieser Zeit noch vorhanden waren. Keine Erwähnung findet z.B. die Bibliothek mit ihren mehr als 3.600 Bänden, sie scheint in den Augen der Verantwortlichen wertlos und einer Aufzeichnung nicht würdig gewesen zu sein. Auch ein Chronometer aus dem 16. Jahrhundert, das heute einen Platz im Mathematisch-Physikalischen Salon im Zwinger von Dresden hat, wird gar nicht aufgeführt.

Das Land Sachsen schickt die - hoffnungslos unterbesetzte - Schlossbergungskommission ins Land. Als deren Vertreter besuchte Landesmuseumspfleger Dr. Walter Hentschel Anfang Oktober das Schloss in Seerhausen. In seinem Bericht vom 10.10.1945 schreibt er: "Von der bedeutenden alten Einrichtung nur Reste vorhanden, darunter Einzelmöbel von hervorragender Güte, einiges beschädigt, das übrige abgefahren. Gemalte Wandbespannungen in 2 Räumen. Bildnisse z.T. gut, besonders ein Kniestück von Duplessis. Ein Bild von Schenau soll beschädigt im Tresor liegen. Im Park 6 Sandsteinhermen und eine große Figur "Chronos", beschädigt, hervorragendes Werk von Permoser." Hentschel schätzt den Wert der vorgefundenen Einrichtung und der Parkfiguren auf 250 000 Reichsmark. Am 8. November 1945 besuchen Vertreter der Schlossbergungskommission zum zweiten Mal Seerhausen. Fritz Löffler war vom 04. bis 06.12.1945 ebenfalls in Seerhausen und stellte in seinem Bericht fest: "Das Familienarchiv liegt in einem großen Haufen durcheinander, darunter auch das Material aus dem Goethe-Kreis. Seerhausen ist nicht zu halten, es muss geräumt werden … Bilder, Möbel, Archiv und Bibliothek sind erstklassig und werden eine Bereicherung der Staatlichen Sammlungen sein." Am 11.01.1946 werden die ersten Kunstgegenstände von Seerhausen abtransportiert. Der Bürgermeister von Seerhausen besteht darauf, dass alles, was sich im Schloss befindet, der Gemeinde gehört, um damit offene Grundsteuerschulden in Höhe von 5.500 Reichsmark (!), die auf dem gesamten Besitz derer von Fritsch lasten, begleichen zu können, da die Neubauern und Umsiedler, die das Land im Zuge der Bodenreform erhalten haben, diese Schulden nicht begleichen können. Die Schlossbergungskommission kommt allerdings zu spät, um alle Kunstgegenstände zu sichern und abzuholen. Am 2. Februar 1945 nach dem Mittag ließ der Vorsitzende der Gemeindebodenkommission die Türen des Schlosses öffnen und die Einwohner von Seerhausen stürmten das Schloss. Die Plünderung des Schlosses nahm seinen Lauf. "Die Plünderung war ein Volksfest für einen großen Teil des Dorfes."

Bereits in der Zeit von April bis September scheint das Schloss Seerhausen mehrfach geplündert worden zu sein. Sicher ist, dass die Russen nach ihrem Einzug ins Schloss mitgenommen haben, was ihnen wertvoll erschien. Obwohl keine Augenzeugenberichte oder schriftliche Unterlagen über diesen Fakt existieren, zeigt doch ein Bericht der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden aus dem Jahr 2008, dass Gegenstände von Schloss Seerhausen in die Sowjetunion gelangten. Was durch die russischen Offiziere und Soldaten tatsächlich alles aus dem Schloss gestohlen wurde, ist nicht bekannt.

Am 10. Februar 1946 wurden die restlichen Archivalien und Bücherbestände sowie "die großen Gemälde … 2 Bronzeaufsätze Empire, 1 Kommode, 1 Zinnkrug, 1 ostasiatische Porzellanvase" abtransportiert und nach Dresden gebracht. Unter den "restlichen Archivalien" befanden sich u.a. das Diplom des Kaisers Karl VI. vom 30. März 1730, mit dem Thomas Freiherr v. Fritsch, der berühmte Hubertusburger Friedensminister, in den Adelsstand erhoben wurde sowie umfangreicher Schriftverkehr zwischen Jakob Friedrich von Fritsch und der berühmten Anna Amalia, Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach, deren Sohn Carl August und Johann Wolfgang von Goethe. Es scheint noch weitere Transporte nach Dresden gegeben zu haben, genaueres ist nicht belegt. Im Juli 1946 war das Schloss aber komplett leer geräumt. In dieser Zeit wurden die Räume im Schloss an Umsiedler und wohnungslose Seerhausener vermietet. Es wohnten 14 Familien in den 35 Schlossräumen. Das durch den Beschuss zerstörte Glasdach über dem Innenhof wurde notdürftig repariert. Die Kosten der von der Gemeinde durchgeführten Reparaturen wurden vom Bürgermeister mit 10.000 RM angegeben. Das Schloss Seerhausen, dass Anfang 1945 mit seinen Kunstschätzen und Archivalien noch jedem Museum im Lande den Rang abgelaufen hätte, war Mitte 1946 nur noch ein historisches Gebäude, zwar ohne wirklichen Inhalt, aber es stand noch im ehemals barocken Park, der größtenteils abgeholzt und in "Kartoffel- und Gemüsegärten" umgewandelt war.

Die sowjetische Besatzungsmacht hatte bis dahin ganze Arbeit geleistet. Die Grundlagen der wirtschaftlichen Größe Deutschlands vor dem 2. Weltkrieg waren im Osten komplett zerstört. Die Industriebetriebe und die Verkehrsinfrastruktur wurden größtenteils als Kriegsreparationen abgebaut und in die Sowjetunion gebracht, die Äcker und der Wald waren im Zuge der Bodenreform verstaatlicht und an Umsiedler oder Kleinbauern verteilt worden. Übrig geblieben waren die ehemaligen Wohnsitze oder Sommerresidenzen der "Junker". Die sowjetische Besatzungsmacht und ihre ausführenden deutschen Organe im Osten Deutschlands sorgten sich darum, dass jeder "Neubauer" und die anderen von der Bodenreform zu "freien Bauern auf freier Scholle" ernannten Menschen auch mit dem Bau eines Neubauernhofes die Beseitigung der jahrhundertealten landwirtschaftlichen Strukturen endgültig machte. Aber den Russen ging alles zu langsam. Auf Grund des herrschenden Mangels in der Nachkriegszeit fehlte es aller Orten an Baumaterial für die zügige Errichtung der Neubauernhöfe. Bereits Anfang 1947 wurden die Landkreise von der Landesregierung Sachsen zu Zustand und Verwendung der Schlösser und Herrenhäuser in ihrem Gebiet befragt. Der Landrat von Oschatz schickte diese Fragen an die Gemeinde Seerhausen am 24. April weiter, der Bürgermeister antwortete am 5. Mai mit der Mitteilung, dass "Inventar keines vorhanden sei, dass die 30 Räume für Wohnzwecke hergerichtet worden seien und dass die Gemeinde für ca. 10.000 RM Instandsetzungskosten aufgewendet habe". Zur Frage, für welchen Zweck das Schloss geeignet sei, antwortete Bürgermeister Kummich: "Zur Vermietung der Wohnräume, wie bisher, gut geeignet". Der Landkreis ermittelte auch die Versicherungs- und Einheitswerte der Schlösser. Die Bewertungsstelle des Finanzamtes Oschatz teilte für das Schloss Seerhausen einen Einheitswert von 28.600 RM mit, die Versicherungsanstalt des Landes Sachsen einen Neubauwert von immerhin 216.200 RM. Die Antwort des Landrats von Oschatz an die Landesregierung enthielt dann auch für jedes Schloss und Herrenhaus im Kreis eine entsprechende geplante Nutzung, für Seerhausen interessanterweise eine Nutzung als "Krankenheim und Privatklinik". Der Wert des Schlosses Seerhausen wurde mit 18.000 RM angegeben.

Am 9. September 1947 wurde dann vom Obersten Chef der SMAD, Marschall der Sowjetunion Wasili Sokolowski, der berüchtigte Befehl 209 erlassen. Offizieller Aufhänger waren die "Schwierigkeiten in Bezug auf den Bau von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden … der Neubauernwirtschaften". Deshalb befahl die SMAD, in den Jahren 1947/48 den Bau von wenigstens 37.000 Häusern in den Neubauernwirtschaften, davon 5.000 in Sachsen. Entscheidend für die größte Kulturbarberei der späten 40er und 50er Jahre war Punkt 6 des Befehls: "Den Ausschüssen der Bauernhilfe und einzelnen Bauern ist zu gestatten, ungehindert das Baumaterial zerstörter militärischer Werke und Bauten, ebenso der ehemaligen Gutsgebäude und der Ruinen herrenloser Gebäude zu verwenden." Dieser Satz, der sich bei näherer Betrachtung als (sinnvolle) Erlaubnis der Russen zur Verwendung von Trümmern und Ruinen von Kasernen, Gutsgebäuden und herrenlosen Gebäuden zeigt, hat die hundertfache Zerstörung von kulturhistorisch wertvollen Schlössern und Herrenhäusern zur Folge gehabt.

In Folge des Befehls 209 setzte in Sachsen eine hektische Betriebsamkeit ein. Der Bau von 5.000 Neubauernhöfen war befohlen worden. Am 3. Oktober 1947, 12 Uhr mittags fand im Büro des Landrats von Oschatz eine Konferenz mit dem russischen Kreiskommandanten und den wichtigsten Vertretern des Kreises statt. Zum Punkt 6 des Befehls wurde im Protokoll vermerkt: " Dieser Punkt soll nicht veröffentlicht werden (…) In Zukunft stützen wir uns nur auf den Befehl 209." Am nächsten Tag erging vom Sächsischen Ministerium für Land- und Forstwirtschaft die folgenschwere Rundverfügung 11/47 mit den Durchführungsbestimmungen zum Befehl 209 der SMAD. Zu Punkt 6 des Befehls wird bestimmt: "Der Abbruch von Gutsgebäuden zur Gewinnung von Material zur Erstellung von Höfen ist im verstärkten Maße in Angriff zu nehmen." Bereits drei Tage später fand eine Tagung der Landesregierung Sachsen, betreffend den Befehl 209 statt. Das Protokoll dieser Tagung zeigt, dass man offenbar hektisch bemüht war, dem Befehl zum Bau von 5.000 Neubauernhöfen nachzukommen. Zum Abbruch der Schlösser wurde festgestellt: "Man hat schon in einer Rundverfügung ersucht, die alten Schlösser abzureißen, man ist aber dabei auf große Schwierigkeiten gestoßen. Es sind dies zum größten Teil die Gebäude, die zur Zeit von den Neubauern bewohnt werden." Die Zeit und der Russe drängten. Stellt man sich vor, dass heute in Sachsen jährlich um die 2.780 Wohnungen in Ein- oder Zweifamilienhäusern neu gebaut werden, war es im Jahre 1947 schier unmöglich, in der vom Krieg zerstörten Heimat ohne funktionierende Industrie 5.000 Neubauernhöfe zu errichten. Am 21.11.1947 richtet das Sächsische Ministerium für Landwirtschaft, Bodenordnung und Bodenkultur an die Landkreise mittels Telegramm mehrere Fragen bezüglich des Abbruches der Herrenhäuser und Schlösser. Der Kreis Oschatz antwortet auf die Frage, welche Herrenhäuser oder Schlösser für den Abbruch vorgesehen seien: "Keine." Auf die Frage, welche der betreffenden Gebäude für soziale Zwecke oder aus anderen Gründen erhalten bleiben sollen, hat der Kreisrat angegeben, dass fast alle Schlösser für Umsiedlerwohnungen, Erholungsheime oder Schulen benötigt würden. Der Kreis Oschatz wird nicht der einzige Kreis gewesen sein, der die Abbruchwünsche der Regierung so abschlägig beschieden hat. Deshalb musste von den, dem Russen hörigen, Regierungsmitgliedern nunmehr eine härtere Gangart gefahren werden. Mit Rundverfügung vom 29.12.1947 wurden die Beschlüsse der Landesbodenkommission vom 12.12.1947 verbindlich bekannt gemacht. Zum Abbruch der Gutshäuser, Herrenhäuser und Schlösser heißt es darin: "Die Landräte sind zu verpflichten, sofort die Arbeiten in Angriff zu nehmen, damit alle ehemaligen Herrensitze ihres landwirtschaftlichen Gutscharakters entkleidet werden. Die Abbrucharbeiten haben spätestens ab Februar 1948 zu erfolgen (…) Die Kreisbodenkommissionen werden angewiesen, sofort mindestens 25 % der Herrenhäuser und Schlösser abzubrechen." Und die Landräte wurden verpflichtet! In einer Konferenz der Landräte beim Innenminister Dr. Fischer am Donnerstag, den 08.01.1948 werden die Landräte noch einmal auf den Abbruch der Schlösser eingeschworen. "Die letzte Anweisung von Innenminister Fischer in dieser Angelegenheit ist strengstens zu beachten. Schlösser müssen ab s o f o r t 25% abgebro-chen werden. Die Umsiedler, die in den betreffenden Schlössern wohnen, müssen anderswo in den Gemeinden untergebracht werden. Herrenhäuser müssen ebenfalls durchgebrochen werden. (…) VdgB muss sich ganz besonders bei Befehl 209 einschalten, muss die Leitung für dessen Durchführung übernehmen, damit auch in den Gemeinden, in denen sich nur Altbauern befinden, die Organisation des Befehls 209 und die Heranschaffung von sämtlichen erforderlichen Baumaterialien tatkräftig unterstützt wird.". Aus Dresden zurückgekehrt, beruft Landrat Reinhard für Sonnabend, den 10.01.1948 eine Sitzung der "erweiterten" Kreisbodenkommission ein. Neben den ständigen Mitgliedern dieser Kommission aus VdgB und SED sind auch Vertreter des Umsiedleramtes, des Kreiswohnungsamtes und der Neubauernhilfe anwesend. Um 14 Uhr eröffnet der Landrat die Sitzung. Was tatsächlich in dieser Runde besprochen und diskutiert wurde, ist nicht niedergeschrieben worden. Lediglich die Festlegungen sind im Protokoll vermerkt. Zum Punkt I, Abbruch der Schlösser, wurde festgehalten: "Lt. Anweisung der LRS (Landesregierung Sachsen, d.V.) sind 25% der im Krs. Oschatz bestehenden Schlösser für den Abbruch vorgesehen. Die erweiterte KBK beschließt einstimmig, dass zunächst Görzig, Bornitz, Canitz, Calbitz und Seerhausen unter diese verlangten 25% fallen." Damit war das Schicksal des Schlosses Seerhausen besiegelt. Den Segen der Landesregierung Sachsen erhielt der Beschluss des Kreises Oschatz sodann in der Sitzung der Landesbodenkommission vom 28.02.1948, in der für den Kreis Oschatz neben dem Abbruch von Seerhausen die Zerstörung von 15 weiteren Schlössern und Herrenhäusern beschlossen wurde.

Am 20.01.1948 wird dem Bürgermeister von Seerhausen die Entscheidung zum Abbruch des Schlosses mitgeteilt. Gleichzeitig wird er aufgefordert, sich wegen der Umquartierung der Bewohner mit dem Kreiswohnungsamt in Verbindung zu setzen. Danach ist die Aktenlage dürftig. Nach dem Bericht eines ehemaligen Seerhauseners, der mit seiner Mutter im Schloss wohnte, mussten die Bewohner des Schlosses ausziehen. Danach wurde "alles Brennbare aus dem Schloss ausgebaut". Dabei fand man im März 1948 in dem Zimmer über dem Hauptportal unter den Dielen einen "Silberschatz", insgesamt 374 Teile Besteck, Teekannen und anderes Tischzubehör. Diese wurden von der Kriminalpolizei aufgenommen und dem Chef der Sächsischen Polizei übergeben. Offenbar wurde das ganze Jahr 1948, von der Ausquartierung der Schlossbewohner Ende Februar an, das Schloss demontiert. Es wurde alles nur halbwegs Brauchbare ausgebaut. So wurde zum Beispiel eine der Zimmertüren zur Haustür umgearbeitet und diente als solche bis Ende der 80er Jahre. Fliesen aus der Schlossküche wurden in einem Hausflur des Nachbarortes Nickritz als Fußbodenbelag eingebaut und der Stall des Bürgermeisters von Seerhausen wurde mit den Schindeln vom Schloss eingedeckt. Im März 1949 war es dann soweit, dass ein Sprengtrupp - woher der kam ist nicht bekannt - anrückte, um die Sprengung des Schlosses vorzunehmen.

Am 25. März 1949 wurde das Schloss Seerhausen gesprengt. Das Schloss "wehrte" sich gegen sein Schicksal. Es stürzte nur zur Hälfte ein, eine zweite Sprengung war nötig. Eintausend Jahre Geschichte waren ausgelöscht!

Der Trümmerhaufen des Schlosses lag nach der Sprengung bis 1978, also fast 30 Jahre, unangetastet im Schlosspark von Seerhausen. In diesem Jahr wurde er größtenteils auf die Bauschuttdeponie im nahe gelegenen Glaubitz abgefahren. Der traurige Rest wurde zusammengeschoben und ist heute noch als "Schlosshügel" im Park von Seerhausen zu sehen.

Im Jahre 929 begann die Geschichte der deutschen Besiedlung unserer sächsischen Heimat mit dem Sturm Heinrichs I. auf die Slawenburg Gana. Seerhausen liegt nur 5 km entfernt vom vermuteten Standort dieser Slawenburg. Womöglich hat Heinrich I. nach dem Sturm dieser Burg nicht zuerst die Burg Meißen, sondern einen geschützten Übergang über die Jahna bei Seerhausen angelegt? Wir werden es wohl nie erfahren. Die früheste Erwähnung Seerhausens findet sich in einer Urkunde des Hochstifts Naumburg aus dem Jahre 1170. Seit dieser Zeit gibt es diesen Flecken, der bis 1728 der berühmten sächsischen Adelsfamilie von Schleinitz gehörte. 1728 kaufte Thomas Fritsch (1730 geadelt und 1742 in den Freiherrenstand erhoben) Rittergut Seerhausen. Bis zum Kriegsende gehörten der Familie v. Fritsch Schloss und Rittergut Seerhausen. Das Schloss war ein mit Leben erfülltes Museum. Es wurde in nur vier Jahren komplett vernichtet!

Was bleibt der heutigen Generation von den Ereignissen der Nachkriegszeit in Ostdeutschland? Zunächst einmal wohl die Erkenntnis, dass wir gar nicht so richtig wissen, was damals eigentlich passiert ist. Und danach zieht die Erkenntnis auf, dass unsere sächsische Heimat für eine Idee (!) einen Großteil seiner historischen Schlösser gesprengt hat. Nach Magirius sind es mehr als 200 Schlösser gewesen, die nach den Bomben und Panzergranaten der Alliierten vom Erdboden verschwunden sind, "damit alle ehemaligen Herrensitze ihres landwirtschaftlichen Gutscharakters entkleidet wurden". In der Gemeinde Stauchitz, zu der Seerhausen heute gehört, wurden drei von vier Schlössern gesprengt (Seerhausen, Stösitz, Stauchitz). In der Kartei der Schlossbergungskommission des Landes Sachsen sind 202 Kunstwerke aus Schloss Seerhausen aufgelistet, die enteignet wurden. Dazu kommen die Bibliothek, das Schlossarchiv und viele weitere, nicht dokumentierte Verluste. 1953 befand sich der Adelsbrief des Thomas Freiherrn von Fritsch noch im Sächsischen Hauptstaatsarchiv, in den siebziger Jahren tauchte er in Westdeutschland auf. Was wird der "Bereich kommerzielle Koordinierung" von Schalck-Golodkowski wohl noch alles verramscht haben.

Thomas Freiherr v. Fritsch-Seerhausen (1909-2006), Nachfahr des berühmten Hubertusburger Friedensministers Thomas v. Fritsch war zeitlebens seiner Heimat Seerhausen verbunden. Oft besuchte er - der im Westen lebte - seine sächsische Heimat. Seine Familie hatte 1945 alles verloren. Im Jahr 2003 feierte Seerhausen das 325-jährige Jubiläum der, der Sprengung ent-gangenen, Seerhausener Schlosskapelle. Zu Beginn seines beachtenswerten historischen Vortrages sagte der damals 94-jährige:

Ist alles, was seit der Wende passierte gut? Ist alles, was vor der Wende war schlecht?
War alles, was nach 1945 passierte gut, alles vorher schlecht?
Es war anders, sehr sehr anders!

Dirk Zschoke